Historische Frage: Wie haben die Drogerielabore in den 50er Jahren Papiere entwickelt?

  • Hallo,


    wie haben die kleinen Drogerielabore in den 50ern ihre Papiere entwickelt? Einzeln in der Schale mag ich nicht so recht glauben, gab es vielleicht eine Art Massen- oder Durchlaufentwickler extra für die kleinen Formate?

    Gruß

    Markus

    Nostradamus: Anno Domini MCMLXXX wird ein Apfel emporsteigen, den niemand essen kann.

  • Hi,

    ich habe mir das mal erzählen lassen: Die Fotodrogerie hatte normalerweise einen Agfa Varioskop Vergrößerer zusammen mit dem Variomat Belichtungsrahmen. Der Variomat ist eine Belichtungsautomatik auf Röhrenbasis die durch das Papier misst und das Vergrößerungslicht abschaltet wenn die Belichtung in Ordnung ist. Das funktioniert auch recht zuverlässig. Der Drogist hat dabei in Schalen entwickelt und das Papier mittels Trommeltrockner getrocknet. Die Auftrags und Negativnummern wurden mit Bleistift auf die Rückseite geschrieben. Das war aber keine Hexerei weil die Papierformate im Vergleich zu heute winzig waren und die Ansprüche an die Fotos gering. Da war es wichtig das man "was erkennen" konnte und dass das "Bild was geworden ist". Die automatischen Printer für Rollenpapier mit Entwicklungsautomaten und Auftragsverwaltung kam erst gegen Ende der 70er Jahre auf und war dann der typische "Ein Stunden Fotoservice" die in den 80ern überall aufploppten.

  • Interessantes Thema, stelle mir gerade die Fließbandarbeit an der Schale vor... auch in Farbe oder nur schwarzweiß?

    Und arbeitete der "Variomat" nur mit einem "Varioskop" Vergrößerer zusammen? Oder ist er vergleichbar mit einem Wallner Vario / LD? Letztere waren ja glaube ich in den 90ern eine Neuheit fürs Fotolabor.

  • Such mal nach Leitz Focomator. Tatsächlich haben sie mit Blattware gearbeitet.


    Der Variomat kam etwa 54 auf dem Markt. Davor haben die Fotolaboranten einfach die Zeiten geschätzt.

    Sicher haben sie Listen für die Negativgrössen und Papierformate gehabt. Von Kodak und Agfa gab es auch Rechenscheiben.


    Rollfilm wurden übrigens meist nicht vergrössert sondern nur kontaktet. Dafür gab es extra Kontaktprinter.


    Nur Kleinbildfilme wurden vergrössert.


    Geschnitten wurden die Filme übrigens erst nach dem printen.

  • Interessantes Thema, stelle mir gerade die Fließbandarbeit an der Schale vor

    Ja, genau... bei 10 Rollfilmen 6x9 sind es 80 Bilder, bei 30 Rollfilmen 240 Bilder, die abzuziehen sind. Das ist schon eine Menge Entwicklungsarbeit.
    Und genau da würde es mich interessieren ob es da Hilfsmittel oder Geräte gab um die Flut an kleinen Bildchen, 7x10, 6x9, 10x15, und vielleicht noch 13x18 effektiv zu entwickeln. Ich kann mir nämlich nicht vorstellen, das zwischen automatischer Scharfstellung und Belichtung mit dem Agfa-Produkten und automatischer Trocknung im Trommeltrockner die pure Handarbeit Bild für Bild liegt.

    Nostradamus: Anno Domini MCMLXXX wird ein Apfel emporsteigen, den niemand essen kann.

  • Es geht nicht um Belichten, sondern ums Entwickeln der Bilderflut!

    Nostradamus: Anno Domini MCMLXXX wird ein Apfel emporsteigen, den niemand essen kann.

  • Unser Drogist hat während der Mittagsschließzeit von 12.00 bis 14.30 sein Labor angeworfen. Abzüge vom Rollfilm gab es in 6x6, 9x9 und 6x9, KB in 6x9 und 7x10, alles SW. Instamatik weiß ich nicht. Abholung üblicherweise am Folgetag.


    Die Familienalbumwelt war damit abgedeckt.

  • Entwickelt wurde tatsächlich in der Schale.


    Erst wurde belichtet und dann gesammelt entwickelt. Meist zu zweit.


    Die Abzüge waren auch im Vergleich zu heute verdammt teuer und jede Drogerie hatte ein paar Lehrlinge die billig waren.


    Das geht bei den kleine Formaten wirklich zügig. In den 70ern habe ich in Volkhochschule einen Kurs bei einem alten Fotolaboranten gemacht. Bei einem Tag der offenen Tür haben wir für Stellwände Fotos in Massen abgezogen. Ihr würdet euch wundern wie schnell man arbeiten kann wenn genügend Personen zur Verfügung stehen!


    Hilfsmittel habe ich dafür noch nie gesehen. Hilfsmittel kammen erst mit dem PE Papieren auf.

  • Ich kann mir nämlich nicht vorstellen, das zwischen automatischer Scharfstellung und Belichtung mit dem Agfa-Produkten und automatischer Trocknung im Trommeltrockner die pure Handarbeit Bild für Bild liegt.

    Ich habe hier das Agfa-Laborhandbuch aus der Vorkriegszeit. Dort werden die zweckmäßigen Abläufe in kommerziellen Dunkelkammern beschrieben. Tatsächlich wurden die Bilder auch in größeren Kopieranstalten in Schalen entwickelt. Das waren ganze Schalenstraßen, wo extra Bedienstete nur die Bilder von Schale zu Schale bzw. von Becken zu Becken beförderten. Der Laborant, der die Abzüge machte, warf das Papier in die Entwickerschale direkt neben seinem Trockenarbeitsplatz. Zweckmäßig waren drei Arbeitsplätze um den Entwicklertisch herum. An der vierten Seite ging es dann in die weiteren Bäder.


    Man hatte zur Trocknung mehrere große Trockenpressen mit jeweils mehreren Glanzplatten. So konnten die Bilder schon aufgequetscht werden, während die vorherigen noch in der Presse waren. Es wurden in einem Schwung immer ettliche Bilder getrocknet und nicht wie in der Hobby-Duka jeweils nur eins oder zwei.


    Im Endeffekt war das reinste Fließbandarbeit. Die Arbeitsplätze waren auf Effizienz getrimmt. Hobby-Duka zu einer damaligen professionellen Duka verhält sich ungefähr wie Hobby-Brotbäcker zu mehr oder weniger großer Handwerks-Bäckerei, wo pro Tag mehrere hundert Brötchen gebacken werden.


    Abzugsapparat für Serienabzüge von KB-Negativen: https://digital.deutsches-museum.de/item/1976-900/

  • Und genau da würde es mich interessieren ob es da Hilfsmittel oder Geräte gab um die Flut an kleinen Bildchen

    Ja: Lehrlinge.

    Zu den Formaten: Schau dir mal alte Famillienalben an. Da wurde ab 6x6 zumeist kontaktet, 6x9 sowieso. Abzüge in 13x18 gab es nur in Ausnahmen oder von wichtigen Gruppenbildern.

  • auch in Farbe oder nur schwarzweiß?

    Farbe schließe ich in den 50er Jahren für Albumbildchen mal aus.

    Zu jener Zeit war das Dia die erste Wahl für Farbe.

    Farbpapierabzüge oder Farbnegativfilm waren Anfang der 50er für den Ottonormalverbraucher so gut wie nicht verfügbar.

    Gevacolor und Ansco Color kamen um 1951 oder Agfacolor CN17 wurde erst ab 1956 für die Masse eingeführt.

    Ein "Massenabziehen" ganzer Filmstreifen wäre auch wegen der damaligen Farbprozesse gar nicht so einfach gegangen.

    Die alten Prozesse hatten Prozesszeiten von 30 bis zu 50 Minuten (Kodak C-22 oder Agfacolor Pa für CN111 Papier) .

    Dafür waren 10 bis 11 Bäder nötig, allerdings bei Raumtemperatur bzw. 18 Grad.

    Die Warmprozesse bei 25 Grad und ca. 15 Minuten Verarbeitungszeit kamen erst Mitte der 60er Jahre.

    Ab da finden sich dann auch die ersten Familienbilder in Farbe im Album.

    Das war noch ein relativ teuerer Luxus. Dass eine Drogerie das angeboten hat, glaube ich nicht.

    Das war noch die Arbeit der richtigen Fotogeschäfte.


    In den 70er Jahren kamen dann die 35 Grad Prozesse (Kodak EP2 oder Agfa Prozess 85) und man konnte ein Bild in ca. 7 Minuten "durchziehen". Die Heimlabore für Farbe kamen auf. Die Entwicklungsmaschinen Durst RCP waren z.B. waren für diesen Prozess konzipiert. Die Bilder waren Massenware aus dem Großlabor aber deren Haltbarkeit war bescheiden.

    Foto-Quelle, Porst und Drogerieläden waren die Anlaufstellen zum Entwickeln. Die schickten es aber natürlich ins Großlabor ein.

    Die Farben der meisten Albumbilder aus den 70ern sind heutzutage völlig ausgeblichen, weil mit "schnell und billig" wohl auch "mieserabel" verbunden war.

    Erst Ende der 80er Anfang 90er kam der RA-4 Prozess für die Minilabs .

    Gruß


    Joachim

  • Der Variomat funktioniert mit den meisten Vergrößerungsgeräten, da der Vergrößerer in eine Schukosteckdose am Variomat eingesteckt wird. Allerdings würde ich nicht über 150 W Birnen hinausgehen, weil ich nicht weiß, was der Variomat intern verträgt

  • Dank eines freundlichen Forumsmitglieds hab ich seit kurzem einen Wallner "LD 30 Automatik" Rahmen, der kam wohl um 1990 herum auf den Markt, der Nachfolger (?) nannte sich "Vario 30". Daher meine Frage, denn Wallner hat damit offenbar dieses Konzept von Agfa aus den 50ern aus der Versenkung geholt...